ANNA BITTERSOHL
 
  Stillleben  
     
 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Dr. Harriet Zilch

Fotos: Philipp Kummer
 

 
 

In Entomologie-Schachteln werden seltene und exotische Insekten aufbewahrt, um sie mit Sammlerstolz präsentieren zu können. Zugleich sollen die Insekten auf diesem Wege vor dem Verfall geschützt und für die Nachwelt erhalten bleiben. Entomologie-Schachteln sind demnach Miniaturräume für Erinnerung an vergangene Tage oder auch ferne Orte.

Wenn wir die Präparate betrachten, löst dies zumeist ambivalente Gefühle aus: Wir zeigen uns fasziniert von der Farbenpracht und Artenvielfalt der gesammelten Käfer und Schmetterlinge. Zugleich gibt es da aber auch dieses leichte Schaudern, dieses morbide Moment, wenn wir auf die mit Nadeln fixierten Insektenkörper blicken
 

 
 




















































































Die Künstlerin Anna Bittersohl, die bis 2009 an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg in der Klasse von Professor Fleck freie Malerei studierte, zeigt in einer Reihe von Bildern – Gemälde wie Hanibi, Collectors Piece, Appearance oder Nachtschwärmer – tote Fliegen, Bienen oder Nachtfalter. Die Insektenkörper sind überlebensgroß und nahezu porträthaft wiedergegeben, und wie in Entomologie-Schachteln scheinen die Körper aufgebahrt vor einem zumeist dunklen Hintergrund, der als eine erste Reminiszenz an die im Barock wurzelnde Tradition des Stilllebens erscheint.

Diesen Gattungsbegriff hat Anna Bittersohl als Titel dieser Ausstellung in der Gesellschaft der Freunde junger Kunst gewählt, und tatsächlich schwingen in diesem Gattungsbegriff zahlreiche Bedeutungsebenen mit, die für das Werk der Künstlerin inhaltlich zentral sind: Zum einen ist da der mit dem Stillleben eng verknüpfte Vanitas-Gedanken, der sich in einem großen Teil ihrer Arbeiten spiegelt. Zum anderen ist das Wort Still-Leben im Werk von Anna Bittersohl auch ganz wörtlich zu nehmen: In ihren Gemälden scheint tatsächlich das Leben still zu stehen.

Mit dieser Beobachtung verknüpfen sich Gedanken über das komplexe Phänomen Zeit sowie über unsere Formen des Erinnerns. Steht das Leben, steht die Zeit still, erhalten wir so etwas wie das Konzentrat eines Momentes. Wir bekommen etwas, das als Erinnerung an Menschen, Orte und Ereignisse den unüberschau­baren Fluss der Zeit überdauert. Es sind diese, die Zeit überdauernden Motive, die Anna Bittersohl interessieren, an denen sie gedanklich hängenbleibt und die sie in ihren Bildern aufgreift und variiert.

Das Stillleben, der Vanitas-Gedanke, die Zeit und die Erinnerung prägen inhaltlich das Œuvre von Anna Bittersohl, so dass ich mich diesen Aspekten nun detaillierter widmen möchte.

Traditionell verstehen wir unter einem Stillleben einen Bildtypus, der sich ab dem 17. Jahrhundert vor allem in Holland und Flandern entwickelt. Verwelkende Blumen, Früchte und tote Fische, aber auch gestapelte Bücher, Schmuck, Gläser und Karaffen werden zu komplexen Bildkompositionen arrangiert. Die symbol­haften Objekte werden auf einer Tischfläche wie auf einer Bühne inszeniert und thematisierten – vielfach vor dunklem Hintergrund – stets auch die Endlichkeit des menschlichen Lebens.

Die Bedeutungsebenen sind dabei ebenso komplex wie vielfältig: Während Sand­uhren und Seifenblasen, brennende Kerzen, verderbliche Speisen und vertrock­nende Blumen eher auf die physische Sterblichkeit des Menschen verweisen, thematisierten andere Motive eine zweite Facette der Vanitas: die Gefahr der durch eine eitle wie sündhafte Lebensführung selbstverschuldeten Vergänglich­keit. Käfer, Fliegen und Motten demonstrieren als Schädlinge, wie schnell ein luxuriöses Leben beendet sein kann. Bücher stehen für eitle Wissbegierde und kurzlebige Unterhaltung; Musikinstrumente für den flüchtigen Klang; Spiegel wie auch teure, zerbrechliche Gegen­stände repräsentieren menschliche Eitel­keiten. Das Buch der Prediger zählt all dieses – Reichtum, Ruhm, Weisheit, Glück und Jugend – als vergängliche Güter auf und fasst es mit omnia vanitas – alles Eitelkeit – zusammen.

Gerade mit der Vergänglichkeit der Jugend scheinen wir uns in der Tat schlecht abfinden zu können und doch müssen wir – wie die Band Alphaville, die mit dem Song Forever Young 1984 einen Welthit landete – hinnehmen: „It‘s so hard to get old without a cause“. Wir leben in einer Zeit, in der die Bewahrung der Jugend als hohes Ziel propagiert wird und das Alter vielfach als Makel er­scheint. Zwar war bereits für Oscar Wildes Dorian Gray ein altersloses Leben ohne Verantwortung erstrebenswert, jedoch erscheint dieser Wunsch heute all­gegenwärtig, und Kosmetikindustrie, Fitnessstudios wie Schönheitschirurgie versprechen konkrete Möglichkeiten anhaltender Jugend und Aktivität.

Anna Bittersohl gibt einem ihrer Bilder den Titel Forever Young. Motivgrundlage für dieses Gemälde war die Abbildung eines konservierter bzw. mumifizierter Heiligen. Die Faszination für das Motiv wurde von der selbstbewusst-herausfordernden Körperhaltung des Mannes ausgelöst. Die Lebensgeschichte des Heiligen ist dabei für Anna Bittersohl nicht relevant. Sie interessiert viel eher die Frage, was die Abbildung heute noch vermittelt kann. Die Beschäftigung mit dem Motiv bezeichnet die Künstlerin als „Forschungsprozess“ und tatsächlich gibt es diesen Heiligen bislang in elf Varianten. Diese malerische Auseinandersetzung ist eng mit der Frage ver­bunden, was bleibt, wenn der menschliche Körper, die Hülle konserviert wird. Wird der Leichnam dann auch zu einem Exponat in einer Entomologie-Schachtel? Oder werden auch Aspekte des Wesens konserviert? Auch andere Exponate der Ausstellung fokussieren den Gedanken, ob ein Gemälde andere Aspekte und vielleicht auch mehr bewahren kann als eine konservierte menschliche Hülle.

Der kürzlich verstorbene Schauspieler Leonard Nimoy, den Sie als legendären Mister Spock aus dem Raumschiff Enterprise kennen, verglich in einem kurz vor seinem Tod geführten Interview das Leben mit einem Garten und formulierte, wirkliche Vollkommenheit gäbe es nur in der Erinnerung.

Tatsächlich befindet sich die menschliche Wahrnehmung in Hinblick auf die Zeit in einem großen Dilemmata. Zeit ist für den Menschen mit dem Moment verknüpft, mit dem Jetzt in dem er lebt und erlebend existiert. Doch zugleich ist der gelebte Augenblick für ihn ein ewig weißer Fleck: Er steckt mitten drin im Jetzt und kann nicht reflektieren, da es für die Reflexion Distanz bedarf. Ernst Bloch schreibt, „nur wenn ein Jetzt gerade vergangen ist oder wenn und solange es erwartet wird, ist es nicht nur ge-lebt, sondern auch er-lebt.“

Nur – und darin liegt das Problem – wird die Gegenwart in dem Augenblick, in dem sie zur Vergangenheit wird, bereits zur Interpretation. Unsere Erinnerung ist ein Konstrukt aus individuellen Erfahrungen, Wünschen und Utopien. Deshalb hat Leonard Nimoy wohl auch Recht: Vollkommenheit kann es nur in der Erinnerung geben, weil es unserer Interpretation bedarf, um sie zu etwas Vollkommenen zu machen. Aber ist unsere Erinnerung dann ein verlässlicher Parameter? Welchen verlässlichen Parameter gibt es in unserer gegenwärtigen Welt? Welche Echolote existieren, die den Menschen durch das Leben leiten? Welchen Stellenwert haben Familie, Tradition, Weltauffassung oder Religion? Was kann eine Orientierung darstellen? Anna Bittersohl gibt einer dreiteiligen Bildserie diesen Titel – Orientierung – und zeigt jeweils eine Frauenfigur, die, eine Fahne in der Hand haltend, kämpferisch voranschreitet.

Kann ein Andachtsbild in unserer Gegenwart noch einen Zweck erfüllen? Gerade in ländlichen Gebieten war – und ist es teils auch noch heute – religiöse Volkskunst sehr verbreitet. Anna Bittersohl kennt aus der Großelterngeneration noch diesen unvoreingenommen Glauben an einen himmlischen Schutz und damit auch an ein Weltbild, das eine Antwort liefert auf die große Frage nach dem Danach.

Der Religionskritiker Ludwig Feuerbach schreibt: „Wenn der Tod nicht wäre, gäbe es keine Religion.“ Und auch für Anna Bittersohl verbindet sich die Auseinandersetzung mit Glauben und Religiosität mit der komplexen Frage, wie unsere Gesellschaft mit Vergänglichkeit und Tod umgeht. So zitiert sie in einer Reihe von Gemälden Madonnen- und Heiligenfiguren oder auch Bildelemente aus anderen religiösen Zusammenhängen. Es sind Gemälde zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, die an Grablegungen oder -abnahmen erinnern, und auf denen wir einen Heiligenschein oder eine Schutzmantelmadonna zu entdecken glauben.

In dem kleinformatigen Gemälde der, der immer mitspielt widmet Anna Bittersohl sich einer Assistenzfigur, die ihr in vergleichbarer Körperhaltung auf zahlreichen religiösen Gemälden begegnet ist. Diese Figur scheint immer da zu sein, nur können wir heute – im historischen Abstand – diesen Menschen, seine Identität und Funktion, nicht mehr identifizieren. Diese Assistenzfigur ist also da, weil die Kunst sie konserviert hat.

Ich habe es bereits erwähnt: Der Schauspieler Leonard Nimoy verglich das Leben mit einem Garten und tatsächlich verbindet sich mit dem Garten eine lange Tradition der Vanitasmotive, die die Vergänglichkeit des Schönen immer wieder variieren. Et in Arcadia Ego: Auch ich bin in Arkadien, sagt der Tod in Giovanni Francesco Barbieris Barockgemälde und stört damit die Idylle der südlichen Landschaft.

Auch in den großformatigen Landschaftsdarstellungen von Anna Bittersohl gibt es diese „Störfaktoren“ in der Idylle. Immer wieder malt die Künstlerin bühnenbildhafte Naturräume; konstruierte Landschaften, für die sie foto­grafische Abbilder verschiedenster Naturdarstellungen nutzt, unter anderem auch Aufnahmen der Gartenanlage von Monet in dem französischen Dorf Giverny.

Vielfach zeigt Anna Bittersohl paradiesisch schöne Orte. In anderen Bildern schwingt jedoch auch die Vergänglichkeit bereits mit, so zum Beispiel in dem Gemälde unser aller einsamkeiten. Das Groß­format, das für diese Ausstellung entstanden ist, zeigt die unbe­rührte Natur einer sumpfigen Waldlichtung mit umgefallenen, vermossten Baumstämmen. Wie in einer zweiten Bildebene schweben zart gestreute Magnolienblüten über diese Landschaft. Diese scheinen transluzent, wie ein Schleier, der die dahinter­liegenden Naturelemente durchscheinen lässt.


Auf die Frage, warum dieses neue Gemälde gerade Magnolienblüten zeige, ant­wortete Anna Bittersohl, dass die unfassbare Prächtigkeit und Farbintensität der Blüten sie jedes Frühjahr wieder überwältigen würden. Tatsächlich scheinen sich Magnolien während ihrer Blütezeit in ganz besonderem Maße an die Welt zu verschwenden. Alle Energie wird in diesen einen Moment berauschender Schönheit und Perfektion gesteckt.

Indem Anna Bittersohl die Magnolien in voller Blüte, jedoch seltsam trans­luzent zeigt, etabliert sie eine Spannung zwischen natürlichem Vergehen und künstlerischem Bewahren. Dies verleiht dem Bild einen elegischen Charakter, der das Vollkommene nur als schönen Schein aufsteigen lässt und dabei gerade die Vergänglichkeit des Vollkommenen betont. Trotz – oder gerade wegen – ihrer äußerlichen Perfektion, zeigen sich Anna Bittersohls Blüten als Bild im Ver­fall, das zwar eine Vollkommenheit aufruft, jedoch zugleich ihre Unmöglichkeit thematisiert. Der Waldausschnitt mit seiner sumpfig-modrigen Natur verstärkt diesen Eindruck.

Immer wieder gibt es auch Werke, in denen Anna Bittersohl eine arkadische Idylle massiv stört, indem sie Maschinenteile wie Propellerblätter oder geborstene Tragflächen in die Landschaft verstreut: eine Situation wie nach einer gewaltigen Apokalypse. Das Szenario erinnert an einen Flugzeugabsturz, teils über üppiger, unangetasteter Natur, teils über grauer, undefinierter Steppenlandschaft, teils zeigt die Künstlerin die Trümmerteile auch auf den Meeresgrund herabgesunken. Unberührtes Urwalddickicht, apokalyptisches Grau oder Tiefseeblau werden bildgewaltig mit einer vom Menschen verursachten Katastrophe konfrontiert.

Diese Ausstellung zeigt exemplarisch die aktuelle Arbeit Mythologie der Einzigartigkeit, die Flugzeugteile in einem Landschaftsgarten zeigt, der tatsächlich an die Gartenanlage von Monet erinnert.

Vielfach handelt es sich bei den Trümmerteilen um Flügel oder Propeller, Maschinenteile, die – pars pro toto – die technische Möglichkeit des Fluges und damit auch den archaischen Wunsch des Menschen, fliegen zu können, symbolisieren. Dieser Traum des Menschen gehört wohl zu den ältesten der Menschheitsgeschichte. Bereits Platon schreibt in seinem Werk Phaidros: „Die Kraft des Gefieders besteht darin, das Schwere emporzuheben und hinaufzuführen, wo das Geschlecht der Götter wohnt.“

Dieser Traum durchzieht unsere Kultur- wie Technikgeschichte: Dädalus und Ikarus fliehen vor dem zürnenden Minotaurus; die Skizzenbücher Leonardo da Vincis zeigen Entwurfs­zeichnungen für eine Flugmaschine; Albrecht Ludwig Berblinger, Otto Lilienthal, Gustav Weißkopf und die Brüder Wright: Der Mensch hat Möglichkeiten gefunden, sich von seiner irdischen Gebundenheit zu befreien, obwohl er dazu körperlich nicht in der Lage ist. Das von Platon ersehnte Geschlecht der Götter, hat er dabei jedoch trotzdem nicht gefunden.

Anna Bittersohls Bilder visualisieren jedoch nicht diesen Menschheitstraum, sondern dessen Scheitern, denn was wir auf ihren Gemälden sehen, repräsentiert wohl weniger die Möglich­keit des Fluges, als das Scheitern des Versuches. Diese Bilder thematisieren nicht nur die Hoffnung des Menschen, stets eine neue Technologie zu finden für jedes Problem, dass er selbst körperlich oder geistig nicht bzw. nicht schnell genug leisten kann. Ihnen ist auch die Furcht inhärent, die geschaffene Technologie nicht mehr beherrschen zu können. Diese Bilder loten die Grenzen aus und forschen nach dem Punkt, an dem Technikbegeisterung zur Allmachtfantasie wird.

Nach dem Absturz scheint auch in diesen Bildern von Anna Bittersohl die Zeit arretiert. Die Flugzeugteile erleben eine entzeitlichte Monumentalisierung. Sie wirken schwerelos und in ewiger Ruhe. Die Katastrophe existiert nicht, nur ein Zustand, denn Zeit und Erzählung fehlen. Das Leben steht still und das Bild scheint die flüchtige Chimäre Gegenwart festzuhalten. Sartre schreibt: „Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, und von der instantanen Gegenwart weiß jeder, dass sie überhaupt nicht ist, sie ist nur die Grenze einer unendlichen Teilung wie der Punkt ohne Ausdehnung.“

Anna Bittersohl hat einen Weg gefunden, in ihrer Kunst diese „instantane Gegenwart“ festzuhalten. Bereits 2012 gab sie einer Ausstellung den Titel Die versiegelte Zeit und bezog sich damit auf den Titel eines Buches des sowjetischen Filmemachers Andrej Tarkovskij. In Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films stellt der Regisseur unter anderem die Frage danach, ob der Film das einzige Mittel ist, Zeit festzuhalten.

Anna Bittersohls Bilder scheinen eine Antwort auf diese Frage geben zu können. Sie zeigen, dass auch die Malerei Zeit versiegeln kann. Das Leben steht still, das Dargestellte bleibt. In diesem Punkt unterscheiden sich ihre Bilder ganz elementar von den Gebrauchsbildern der Alltagskultur, die eine flüchtige Bilderflut nur weiter füttern. In teils bildgewaltigen, teils sehr intimen Gemälden gelingt es Anna Bittersohl, die Sehnsucht danach auszudrücken, unserer technokratischen Welt, etwas entgegen zu setzen: einen Bildkosmos, der Ruhe und Stillstand zulassen kann und in dem es die Möglichkeit gibt, sich an Orte, Zeiten, Menschen und Geschichten zu erinnern.