PEER GESSING. FACE TO FACE. 

(…) Bereits 1986, noch zwei Jahre vor Aufnahme seines Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart u.a. bei Prof. Sotirios Michou (bis 1994), hatte Peer Gessing mit der Übermalung von Büchern begonnen. Die fast schon manische Obsession, mit der Peer Gessing in den nächsten Jahren Bücher übermalte, gipfelte 1992 in dem Projekt „100 Tage – 100 Bücher“. Er malt immer kraftvoll, im Stehen, schon damals in einer Linie mit Jackson Pollock mit dem ganzen Körper – und arbeitete sich durch die aufgereihten, aufgeschlagenen Büchern sowohl an weltberühmten Meilensteinen aus Literatur, Kunst und Wissenschaft, als auch an netten Fundstücken wie einem Bastelbogen zum Nachbauen des Brandenburger Tors ab. In der Fülle der Arbeiten offenbarte sich ihr Seriencharakter, der Gessings Kunst bis heute eigen ist. Chiffrenartig legten sich seine dynamischen schwarzen Zeichnungen über Bild und Text. Aus ihnen heraus entwickelte sich die Folge der „Stilleben“: abstrakte, autonome Gemälde, die aus fast formelhaft aufgebrachter schwarzer Farbe auf weißem Grund erwachsen. Die klare Tektonik lädt dabei zu einem Wechselspiel zwischen Positiv- und Negativform, Zeichen und vermeintlichem Zwischenraum ein. Diese Art der „Stilleben“ verwendete er auch für seine ersten Übermalungen fremder Gemälde, die auf die Übermalung von Büchern und eigenen Arbeiten folgten. Klaus Müller-Rabe, Professor für Malen, Zeichnen und Kunstgeschichte an der Technischen Fachhochschule Berlin und enger Freund der Familie, zählte dabei zu den ersten, die Peer Gessing bereits in den 90er Jahren Werke überließen. Nach seinem Tod vermachte er ihm sämtliche seiner großen Gemälde, um diese weiterzuführen: „Wie ein Staffelstab und eine zweite Chance auf der Suche nach der Kunst.“ (Peer Gessing)

Zu ihm gesellten sich in den letzten Monaten geballt weitere künstlerische Weggefährten wie Gene Gessing, Ralf Falenzyk, Alexander Fischer, Ralf Föll, Rolf Hoffmann, Johannes Hüppi und Prof. Thaddäus Hüppi, Marc Junghans, Prof. Manfred Kästner, Dirk Klomann, Peter Nowak, Gabriela Pavón de Naumann, Sebastian Rogler, Klaus-Peter Schaber, Reiner Stolz und Yuya Van. Die Anfrage und natürlich auch die Übermalung ist immer als Hommage zu verstehen. Angst vor der bemalten Leinwand kann man Peer Gessing dabei sicher nicht nachsagen, doch ein ehrenvoller Respekt vor dem ersten Pinselstrich ist stets vorhanden und lässt ihn teilweise auch zaudern, etwa bei historischen Gemälden von Josef Weber (ca. 1880) oder Gustav Holweg (1882).

Mit den Übermalungen hat Peer Gessing das kunstgeschichtliche Rad nicht neu erfunden, man denke nur an Arnulf Rainer, der mit seinen seit Ende der 50er Jahre praktizierten Übermalungen berühmt wurde oder Per Kirkeby, der seine systematischen Übermalungen 1975 aufnahm. Als diagnostisches oder programmatisches Instrumentarium der Wahrnehmungssensibilisierung steht die Verfremdung ganz oben auf der Agenda der Moderne. Bei Arnulf Rainer allerdings verweist die Technik des Übermalens auf die Dialektik von Leben und Tod: Malerei wird vernichtet, um etwas Neues entstehen zu lassen. Zugleich sind seine Übermalungen (zunächst eigener, später auch fremder Werke) auch Zumalungen, Verhüllungen, „also eine psycho-physische Reproduktion“, wie der Künstler einst bemerkte.[1] Diametral entgegengesetzt die Absicht Peer Gessings, dem nichts ferner läge als die Zerstörung. Seine Intention ist nie die Auslöschung der Vorlage, sondern vielmehr der ästhetische Eingriff, der den Untergrund mit einbezieht. Peer Gessing reagiert auf Form, Farbe, Materialität und Motiv der Vorlage und erweckt sie zu neuem Leben, nicht selten hebt er die Werke ins 21. Jahrhundert auf, küsst die Aura erneut wach. Seine Malerei ist stets als Prozess zu begreifen und als fortwährender Schaffensakt, der den vollen Einsatz von Körper und Geist des Malers erfordert und der den Anfang des Vitalen immer wieder aufs Neue aufsucht. Das Performative der Handlung ist für den Betrachter direkt wahrnehmbar und macht ihn neben Künstler und Werk zum unabdingbaren Dritten im Bunde. Da ein Neubeginn immer wieder möglich ist, offenbart sich hier für den Rezipienten „das offene Kunstwerk“, wie es Umberto Eco definiert.[2] (…) Der Extrakt des Lebendigen manifestiert sich für ihn in der ständigen Bewegung, dem Prozesshaften der Malerei, aber vor allem im menschlichen Antlitz, dem heute sowohl in der Gesellschaft wie auch in der Kunst eine neue Rolle zukommt. Denn das Thema hat Hochkonjunktur: Biometrische Sicherheitsmerkmale für Passfotos, Gesichtschirurgie als individuelles Verwandlungsinstrument, „Facebook“ als virtueller Sammelplatz von Gesichtern, „facial features“ als Auswahlkatalog in Samenspenderdatenbanken. Darüber hinaus zahlreiche Ausstellungen zum Porträt und Anti-Porträt in den letzten Jahren. Die lange Emanzipation der Porträtmalerei zum autonomen Kunstwerk – über die Loslösung von der Naturnachahmung, Moralisierung und dem gesellschaftlichen Einfluss – führte zwischenzeitlich zum Tod des Porträts, dem in der modernen Porträtmalerei erst durch die Differenz zum Dargestellten (und damit dem Ausdruck menschlicher Individualität) wieder neues Leben eingehaucht wurde. Das Porträt als Ausdrucksträger menschlicher Individualität ist nach wie vor virulent und offenbart sich als Grundkonstante der Bildenden Kunst. Dem ursprünglichen Gedanken des klassischen Porträts, mit der Darstellung des Gesichts Einblick in das menschliche Seelenleben zu erlangen, stellt Peer Gessing ein universelles, androgyn-freundlich lächelndes Gesicht gegenüber. Er ist nicht an Physiognomie interessiert, kein Anatom oder Karikaturist. (...)

Posten Sie gerne ein Bild der Ausstellung auf „Facebook“ und schauen Sie in den Spiegel oder betrachten Sie ein Bild Peer Gessings – das universelle und individuelle Leben wird Ihren Blick erwidern.

Britta Borger M.A.

1]Karl Ruhrberg: Kunst des 20. Jahrhunderts, Teil 1 (Malerei), hrsg. von Ingo F. Walther, Köln 2000, S. 380.
[2]Umberto Eco: Das offene Kunstwerk,  Frankfurt/ Main 1966.

 
     
   
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