Peer Gessing
 
  - Übermalungen -  
  25.05. bis 06.07. 2014  
     
 

Übermalung ist immer ein Brechen von Regeln auf der Suche nach neuen Grenzen – das versinnbildlicht kreatives Denken und Arbeiten, was unsere Gesellschaft so nötig hat, um  die  Zukunft zu gestalten.

1988–1993 studierte Peer Gessing an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Sotirios Michou, Werke von ihm befinden sich heute im Sprengel Museum Hannover und im Braith-Mali-Museum in Biberach an der Riß. Seit fast 30 Jahren setzt er sich mittels der Übermalung konsequent mit eigenen und fremden Werken auseinander, schafft Gemälde, Performances und Installationen.

Die Gesellschaft der Freunde junger Kunst e.V. Baden-Baden wird ab dem 25. Mai 2014 eine Auswahl von rund 40 der Übermalungen Peer Gessings seit 1986 im Alten Dampfbad Baden-Baden präsentieren. Einen gewichtigen Teil machen dabei neue, eigens für die Ausstellung entstandene Werke aus. Die Ausstellung spannt den Bogen von frühen Arbeiten wie dem „Europa-Projekt“ 1998-99 – einem Konvolut von 48 internationalen antiquarischen Büchern, Seite um Seite übermalt – über Installationen, Gemälde, Gouachen und Diptychen der letzten beiden Jahrzehnte bis hin zu einem neuen Werkkomplex. Wie einst Arnulf Rainer Werke von Sam Francis oder Victor Vasarely zur Verfügung gestellt wurden, so übermalt auch Peer Gessing speziell für diese Ausstellung nicht nur eigene, sondern auch Werke prominenter künstlerischer Wegbegleiter wie Reiner Stolz, Klaus Müller-Rabe, Thaddäus und Johannes Hüppi sowie Arbeiten von internationalen Künstlerinnen und Künstlern.

Hierfür bat er eine Vielzahl von Künstlern um die Überlassung eines Werkes oder – weit besser – um die freie Auswahl aus deren Schatzkammer – auch das gefiel nicht allen, vermuteten sie doch die Austilgung ihrer Autorenschaft oder die Entwertung ihrer künstlerischen Autorität, wenn nicht gar die Vernichtung ihres Werkes. Nichts von alledem läge Peer Gessing aber ferner als die Zerstörung. Seine Intention ist nie die Auslöschung der Vorlage durch ein undurchdringliches „Überdecken“, sondern vielmehr der ästhetische Eingriff, der den Untergrund mit einbezieht. Peer Gessing reagiert auf Form, Farbe, Materialität und Motiv der Vorlage und erweckt sie zu neuem Leben, nicht selten hebt er die Werke ins 21. Jahrhundert auf. Seine Malerei ist stets als Prozess zu begreifen und als stetiger Schaffensakt, der – in einer Linie mit Jackson Pollock – den vollen Einsatz von Körper und Geist des Malers erfordert und der den Anfang des Vitalen immer wieder aufs Neue aufsucht. Das programmatisch eingesetzte Motiv des Gesichtes greift das Prinzip der Wiederholung auf, es lässt sich verstehen als rätselhafte Chiffre, als Alter Ego des Künstlers, vielleicht auch als Obsession. Hat die Abbildung des Gesichtes im Zeitalter
der neuen Medien digitale Hochkonjunktur, so stellt sich mit seiner Medialisierung zugleich die Frage nach seinem Verlust. Das Œuvre von Peer Gessing greift damit zugleich ein klassisches wie auch aktuelles Thema auf und pendelt indessen zwischen den Begriffen Zeit, Wahrheit, Leben und Mensch – mit dem Gesicht, das Besitz über das Bild ergreift, als Ausdruck des gegenwärtig Humanen. Wie es heute heißt: Gefällt mir!

Begleitend zur Ausstellung soll ein hochwertiger Katalog erscheinen, der neben dem Künstler und seinem Werk gerade auch jenen gebühren soll, denen Peer Gessing freundschaftlich verbunden ist. Er soll „die Menschen ehren, von denen ich gelernt habe“ (Peer Gessing). Es ist daher geplant, neben den vollendeten Werken auch die einzelnen Prozessphasen der Übermalungen professionell ins Bild zu setzen  und zu dokumentieren.

Britta Borger M.A.
Karlsruhe 

 
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