Arnold Odermatt und Martin Städeli

 
 



Rede zur Eröffnung der Ausstellung
von Dr. Matthias Winzen, Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden,

Sehr geehrter Herr Generalkonsul,
lieber Herr Odermatt,
lieber Herr Städeli,
lieber Vorsitzender Karl–Manfred Rennertz,
lieber Thaddäus Hüppi,
liebe treue Mitglieder der Gesellschaft,
liebe Freunde der Kunst –

ich begrüße Sie alle sehr herzlich und glaube als erstes feststellen zu dürfen, dass dem Kurator dieser Ausstellung, Thaddäus Hüppi, mit der Einladung dieser beiden Schweizer Künstler wieder einmal ein Coup gelungen ist.

Es ist verblüffend zu sehen, wie sich über den Generationenabstand von mehr als vierzig Jahren hier zwischen zwei künstlerischen Persönlichkeiten ein bildlicher Dialog entspinnt über Komik und Ernst, über Grenzen des Menschlichen und Ausstiege aus dem Menschlichen, über lebendige Bewegung und Unbewegtheit des stillen Bildes – um nur einige Punkte zu nennen.

Als Arnold Odermatt, heute 77 Jahre alt, im Jahr 1990 als Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwaldener Polizei pensioniert wurde, blickte er nicht nur auf 42 Berufsjahre bei der Polizei zurück, er hatte auch für die nächste Zukunft Pläne: ein Buch mit Landschaftsfotografien. Die vielen Fotografien von Autounfällen, die er für die Polizei angefertigt hatte, konnten für die Landschaft – oder besser gesagt: für die kunstvolle und konzentrierte Art, mit der Arnold Odermatt das scheinbar nebensächliche Drumherum eines Autounfalls, eben u.a. die Landschaft, stets behandelte – also: die Beweisaufnahmefotos für polizeiliche Zwecke konnten für die Landschaft bestenfalls eine Nebenfunktion tolerieren. Alles, was uns hier und heute die Fotografien von Arnold Odermatt so interessant, so übersituativ kunstvoll und gestaltet erscheinen lässt – all das war für die juristische Verwertung der Fotografien bestenfalls nicht störendes Beiwerk.


Es muss also in all den Jahren, in denen Arnold Odermatt die juristische und versicherungswirtschaftliche Tatsachenfeststellung mit seinen Fotografien polizeidienstlich korrekt beliefert hat, ein anderes Element gegeben haben, eine künstlerische Verselbstständigung innerhalb dieser fotografischen Praxis, einen Überschuss: Diese Fotos waren von Anfang an viel zu gut, viel zu nuanciert, viel zu szenisch gekonnt an den Rändern beschnitten und damit ins Bild gerückt, um nur Gebrauchsfotos für die Polizei zu sein. In diesem Überschuss, in diesem „Viel-zu-gut-Sein“ für den funktionalen Zweck, steckt die tiefe Komik der Fotografien von Arnold Odermatt. Man muss sich das vorstellen: Da knallt es, alle laufen durcheinander – tatütata – die Polizei kommt – und einer stellt sich hin und macht konzentriert und kunstvoll Fotos, die den Moment meilenweit überragen und überdauern – lange, nachdem die Versicherungen gezahlt haben, die Alkoholsünder ihren Führerschein schon wieder zurückerhalten haben o.ä.

1990 also beschließt Arnold Odermatt, der lange Berufsjahre lang sozusagen stillschweigend und geradezu eulenspiegelhaft die visuelle Doofheit faktenversessener Versicherungs- und Justizfachleute mit seinen viel zu kunstvollen Fotografien grotesk überboten hatte, sich endlich dem stets an die Seite gedrängten „Eigentlichen“ seines fotografischen Könnens zu widmen. Er bittet seinen Sohn, Urs Odermatt, um Unterstützung für ein Buchprojekt mit Landschaftsfotografie, und der Sohn, ein Film-, Fernseh- und Theaterregisseur, ahnt sofort die Gefahr, dass der Vater gegen sein eigentliches Talent etwas Konventionelles produzieren könnte.

„Wenn schon ein Buch, dann mit deinen Polizeifotos“, fordert der Sohn, und gemeinsam staunt man auf dem Speicher, wie viele Negative es noch gibt. Und mehr und mehr stellt sich heraus, dass das „Eigentliche“ nicht die an den Rand gedrängte Landschaft und die fotografische Professionalität jenseits und abgetrennt von der Unfallsituation ist, sondern dass vielleicht das „Eigentliche“ der Fotografien von Arnold Odermatt in der unglaublichen und grotesk engen Verknüpfung von banalem Alltagsgeschehen und landschaftlich-romantischer Überhöhung liegt, von funktionalem Beweiszweck und theatralischer Inszenierung durch den Fotografen (der Beleuchtung, Standpunkt etc. wie ein Regisseur wählt).

Liegt das „Eigentliche“ dieser Fotografien nicht darin, dass uns der Fotograf Odermatt am dokumentarischen Realitätsgehalt von Fotografie leise zweifeln lässt, wenn wir die kinoartig über den Abgrund taumelnden Autowracks und die Kopfstand übenden Kraftfahrkörper sehen? Nutzt Odermatt nicht das Realismusmedium Fotografie, um uns zweifeln zu lassen, wie realistisch kalkulierbar eine Realität ist, in der es sehr plötzliche Richtungsänderungen oder absolut verbindliche Halts geben kann, verbindlich bis zur Todesfolge? Was uns auf den ersten Blick an diesen Fotos sachlich und ernst erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick als absurd und komisch. Und auf den dritten Blick erscheinen uns diese Bilder – und das ist vielleicht ihre tiefste Wirkung – komisch und todernst zugleich.

Auch in Martin Städelis Arbeiten gibt diese eigenartige paradoxe Verschränkung von leichter, fast heiterer Bewegtheit der Assoziationen und tödlicher Stille des Bildes. Und es gibt, ähnlich und doch anders als bei Arnold Odermatt, eine stufenweise Entstehungsgeschichte der Arbeiten von Martin Städeli, die sich zu erzählen lohnt.

Zuerst ist Martin Städeli examinierter Zeichenlehrer geworden, was in Deutschland soviel heißt wie Gymnasiallehrer. Wir sehen, die Schweizer sind seriös und methodisch, machen erst mal anständige Berufsausbildungen, bevor sie uns anarchisch um die Ohren hauen, wie tief sie an den Konventionen zweifeln, die wir alltägliche Realität nennen. In seinem folgenden Studium an der Berliner Hochschule der Künste setzte sich Städeli konzeptuell mit Malerei auseinander, malte riesige Serien und dachte immer wieder intensiv darüber nach, was er da tut. Er dachte so intensiv nach, dass es – neben dem Maler Martin Städeli – bald den kritischen Bildbetrachter Martin Städeli gibt, eine Reflexionsfigur in der Vorstellungswelt des abgeschiedenen, konzentrierten Ateliers. Der kritische Bildbetrachter, stetiger Begleiter des keineswegs naiven Malers Städeli, dieser Denkschatten, dieser hypothetische Privatkritiker im Hinterstübchen des Hirns, den muss Martin Städeli, der Maler, irgendwann auch mal körperlich zu fassen kriegen. Und so beginnt er, Pappmachéfiguren vor seine großen Malereiserien zu setzen, also seinen farblichen Geistesreisen durch die Optionen und Sackgassen abstrakter Malerei einen körperlich materialisierten Geist gegenüber zu setzen. 

Diese Operation gelingt, indem sie scheitert. Sie scheitert natürlich, weil man die Reflexionen, die kritische Selbstbeobachtung, den kreativen Zweifel, wie sie jeden guten Künstler permanent begleiten, natürlich nicht in eine Pappfigur übertragen und auslagern kann, das wäre ja fast Voodoo. Zugleich aber gelingt die Operation, weil mit dem Papp-Selbst die zirkuläre Binnenreflexion der Ateliersituation durchbrochen ist und es Städeli mit dieser aufgeladenen Selbst-Stellvertreterfigur gelungen ist, eine ganz andere Ebene von Bildsprache und Bildreflexion zu erschließen. Und diese Figur ist eine Art Pappe gewordenes Alter ego. Auf meine vorsichtige Frage, ob die Haartracht der Figuren ganz eventuell etwas mit seiner Haartracht zu tun habe, ob es da vielleicht Familienähnlichkeit geben könnte, antwortete Städeli mir: „Ja, klar, und die Familienähnlichkeit macht auch vor dem Orang Utan nicht halt.“

Das erscheint mir eine interessante Relativierung des oft genug elitären, selbstbezüglichen, unfreiwillig selbstgetthoisierenden stillen Fachdenkens des vereinzelten Malers in seinem Atelier. Aus der reinen Reflexion wird eine körperhafte Figur mit Haaren, und deren Körperliches macht diese Figur zum Verwandten des Tieres. Wir dürfen unseren Leib nicht vergessen, denn nur in dem leben wir und nur durch den nehmen wir wahr. Wir können nicht rein denken oder rein schauen, sagt Städeli (und übrigens sagt auch Odermatt: Wir dürfen unseren Leib nicht vergessen und nur mit dem Auto schnell sein wollen).

Nachdem sich durch die Pappfiguren in Martin Städelis Kunst eine Ebene erschlossen hatte, auf der Leiblichkeit und Alltag wieder einfließen konnten, konnten diese Pappfiguren auch Träger von alltäglich Beobachtetem, von real Wahrgenommenem werden. So erinnern diese Figuren – Städeli ist in Zürich aufgewachsen – natürlich an Drogenjunkies, an früh gealterte, dünne Körper. Lange Haare und greisenhafte Bewegungssteife blitzen als schockierende Ähnlichkeit zu kauernden Bahnhofsgestalten auf. Und plötzlich befassen sich diese Figuren auch wieder mit Kunstgeschichte, allerdings ganz anders als der anfängliche Malereidiskurs mit abstrakter Malerei. Städelis Figuren erinnern uns an den „toten Hippie“ von Paul Thek, aber auch an die halb-toten, d.h. halb-lebendigen Figuren hinter Glasscheiben im Sockelbereich südeuropäischer Altäre in katholischen Kirchen. An diesen Ganzkörperreliquien scheint nur noch lebendig, was zu Lebzeiten immer schon tot ist, das Haar – also ein sehr prominentes Gestaltungselement, mit dem auch Städeli zu spielen weiß.

Wer schon einmal einen Film von Jacques Tati gesehen hat und nach einiger Zeit nicht mehr wusste, ob er laut lachen sollte und bedrückt war ob der dargestellten Abstrusität des Alltags, wird wahrscheinlich deutlich erkennen können, was die beiden so verschiedenen künstlerischen Persönlichkeiten Arnold Odermann und Martin Städeli verbindet und was sie den in dieser Ausstellung so gelungen inszenierten Dialog führen lässt.

Das Groteske, Lustige, der laute Knall, das affige Aussehen oder Auftreten ist nur die eine Seite des Stillen, des stillen Bildes, das unerbittlich festhält, dass das Laute und Lustige temporär ist und vorübergeht. Autos machen tierische Verrenkungen und zwischen der Maschine Auto und dem Tier stehen wir, die Menschen! Über die Brücke des Komischen gehen die beiden Künstler aufeinander zu und reden über Existenzielles.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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Arnold Odermatt

 

Martin Städeli

 

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