Lichtprobe

 

 



Presseinformation zur Ausstellung

Lichtprobe oder das Texel-Projekt
Steffen Bremer / Kurt Grunow, Stuttgart
 

Die niederländische Insel Texel ist eine der kleineren und größeren Inseln, die dem Ijsselmeer vorgelagert sind, jener Nordseebucht, an der auch Amsterdam liegt.

Sie  liegt am Texelstrom und an ihr vorbei führen unzählige Schiffsrouten,  z.B. von Norwegen nach Ipswich in England, oder von Schweden und Dänemark nach Rotterdam oder Le Havre und noch weiter in den Süden.

1984 fischte hier ein Fischtrawler ein Netz voller Metallfässer vom Grund des Meeres.

Es schien Strandgut zu sein, welches eben an einer befahrenen Schiffsroute so üblicherweise zu finden ist. Aber statt Schwimmwesten,  Maschinenteilen,  Werkzeugkisten und diversem Verklappungsmüll, waren es russische Behälter mit russischen Filmrollen.

Für die Fischer von Texel, die aus solcherlei Funden manchmal Geld, manchmal musealen Bestand machen, blieben die Filmrollen, die sie in den Fässern fanden, bedeutungslos, bis der Fund 1994 zufällig von dem Stuttgarter Künstler Kurt Grunow in einem der  „Juttermuseen“- so werden die Museen für  Fundstücke auf Texel genannt -  entdeckt und für bemerkenswert erachtet wurden.

Von Kurt Grunow als auf dem Meer verklappter sowjetischer „Filmmüll“ identifiziert, setzten er, sein Künstlerkollege Steffen Bremer und der Filmfachmann Uli Wegenast 1999 die historische-künstlerische Recherche in Texel fort: das „Texel-Projekt“ war gegründet. Es begann eine zermürbende Suche nach den 1994 entdeckten Rollen, denn diese waren inzwischen auf mehrere Museen verteilt und teilweise unbeachtet in irgendwelche Materiallager weggeräumt worden.

War auf dem Filmmaterial überhaupt noch etwas zu erkennen, war es präsentabel?

Immerhin konnten die Etiketten auf den Filmrollenbehältern Aufschluss darüber geben, dass in ihnen der Film „Verbrechen und Strafe“, eine Verfilmung des Dostojewski-Romans „Schuld und Sühne“ lagerte oder ein Erziehungsstreifen für die mongolische Provinz: „Ein Erziehungsfilm, in dessen Mittelpunkt ein alter Maler steht, der jenes entlegene Land portraitiert, in dem der Segen des Sowjetkommunismus sich reibungslos mit der einheimischen Kultur verbindet.“ (Kurt Grunow) Ein weiterer Behälter enthält den Kostümfilm „Stern des faszinierenden Glücks“ von Vladimir Motyl. Alle Filme entstanden in den 1970er Jahren.

Das Imaginäre, das Fiktive des Films in seiner materialisierten Form und noch dazu in seiner der Bedeutungslosigkeit anheim gegebenen materialisierten Form - nämlich im Meer versenkt - und die damit verbundene doppelte Phantasie, sind Kernstücke der Installationen von Kurt Grunow und Steffen Bremer.

„Der Film, mit dem wir die wahre Welt als Filmmeterware aufspulen, um sie dann als Zauberteppich der Phantasie abrollen zu lassen, ist eine sensationelle Verbindung der alten mechanischen Technik mit der neuen elektrischen Welt.“(Mashall McLuhan)

Nach  Marshall McLuhan ist der Tonfilm ein Medium, das keinerlei imaginären Spielraum für eine Interaktion des Zuschauers lässt. Die russischen Regisseure bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts vermieden den Tonfilm, d.h. den Film mit gleichgeschalteter Tonspur, und verwendeten Ton kontrapunktisch, damit eine „magische Aufladung“ stattfinden konnte.

Die Faszination , die das gefundene Filmmaterial und dessen Bergung auf die beiden Stuttgarter Künstler Steffen Bremer und Kurt Grunow ausgeübt hat, ist die Grundlage für die Konzeption einer spannenden Ausstellung mit Installationen, Dokumentationen und künstlerischen Interpretationen: gezeigt werden die gefundenen Bänder in Filmvorführungen und installativen Räumen mit Titeln wie „Halle der Aeronautik“, “Kulturstollen“, „Halle des Todes“.

 

     

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